Methoden der Physiotherapie im Vergleich am Beispiel der hereditären spastischen Spinalparalyse (HSP)


Die vorliegende Untersuchung wird im Rahmen einer Doktorarbeit an der Humboldt Universität Berlin durchgeführt und von Prof. Dr. Müller – Fahrnow betreut. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Kernsymptomatik der Spastik aus physiotherapeutischer Sicht und vergleicht verschiedene Physiotherapiemethoden miteinander. Dabei bildet die Fragestellung, welche Erfahrungen die Patienten mit den verschiedenen physiotherapeutischen Interventionen gemacht haben und ob eventuelle andere Steuermechanismen eine Rolle spielen, den zentralen Kern der Dissertation.

Dieser Frage wird am Beispiel der hereditären spastischen Spinalparalyse anhand einer telefonischen Fragebogenuntersuchung an einer entsprechenden Patientengruppe nachgegangen. In dieser Arbeit werden die wissenschaftlich anerkannten Behandlungsmethoden zur Reduzierung von Spastik "Bobath", "PNF" (Propriozeptiven Neuromuskulären Fazilitation) und "Vojta" einander gegenübergestellt.

Der Stellenwert dieser Untersuchung ist bedeutend, da auf dem Gebiet der Physiotherapie bisher nur die Wirksamkeit der einzelnen Methoden nachgewiesen wurde, sich aber noch keine Studie mit der Vergleichbarkeit der einzelnen Physiotherapeutischen Behandlungsmethoden beschäftigt hat.

Ausgehend von der Annahme, dass das Bobath-Konzept nicht nur zeitlich begrenzt während der Therapieeinheit stattfindet, sondern ein ständiger Bestandteil des gesamten Tagesablaufes darstellt, ist zu vermuten, dass bei dieser Therapieform der "Langzeiteffekt" mehr zum tragen kommt, als bei der Behandlung nach Vojta oder nach der Methode der Propriozeptiven Neuromuskulären Fazilitation.

Kann diese Dissertation nachweisen, dass sich durch eine physiotherapeutische Methode die Spastik nachhaltiger reduzieren lässt, als durch andere Physiotherapiemethoden, kann dieser Aspekt zukünftig bei der Wahl der ärztlichen Verordnung Berücksichtigung finden und somit die Lebensqualität der betroffenen Patientengruppe steigern. Wobei unter dem Begriff der Lebensqualität nicht nur das subjektive Gefühl der Erleichterung gemeint ist, sondern die Selbständigkeit des Patienten im Bereich des täglichen Lebens, bzw. die Aufrechterhaltung der beruflichen Tätigkeit.

Gelingt es durch eine effektive Physiotherapiebehandlung die Patienten länger in der Eigenständigkeit zu unterstützen, so ist auf langer Sicht die Kostenersparnis der Krankenkassen hinsichtlich der Pflegekosten ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor.

Zunächst wird das klinische Bild der hereditären spastischen Spinalparalyse vorgestellt, um eine Ausgangsbasis zum Verständnis dieser Erkrankung zu schaffen. Dabei wird vor allem die vor allem die Symptomatik des Krankheitsbildes dargestellt, da die Physiotherapiemethoden nur Einfluss auf die Symptomatik nehmen können.

Auf die molekulargenetischen Grundlagen wird nur hingewiesen, dieser ursächlichen Problematik wird in diversen Forschungsprojekten nachgegangen.

Ebenso wird die Möglichkeit der medikamentösen Therapie nur kurz beleuchtet, auch zu diesem Problemkreis liegen eine ganze Reihe von Forschungsstudien vor.

Daran schließt sich die Problemanalyse der physiotherapeutischen Zielstellung an, die die zu behandelnden Symptome erfasst und beschreibt. Diese Symptomerfassung dient als Grundlage zur Erstellung des Fragebogens der Untersuchung, sowie der Ableitung der Erkundungshypothesen, die durch den zu entwickelnden Fragebogen erfasst werden.

Die Untersuchung wird an einer Patientengruppe durchgeführt, die das Krankheitsbild der "HSP" aufweisen, da hier die Symptomatik klar umrissen ist, mit dem Hauptmerkmal der langsam progredienten Paraspastik. Das Gangbild dieser Patienten wurde bereits wissenschaftlich analysiert, so dass auf diese Erkenntnisse zurückgegriffen werden kann.

Da es sich bei diesem Krankheitsbild um eine relativ seltene genetisch bedingte Erkrankung handelt, gibt es zwar kein "HSP-Zentrum" in Deutschland oder Europa, aber die Tom-Wahlig-Stiftung in Münster hat es sich zur Aufgabe gemacht die Forschungsergebnisse der verschiedensten Untersuchungen bezüglich der HSP zu bündeln und dieser Patientengruppe auf allen Ebenen ein Forum zu bieten. Daher ist es möglich mit einer ausreichenden Patientenzahl eine entsprechende Studie durchzuführen.

Die Untersuchung soll anhand einer "case-control-study" durchgeführt werden. Hierbei handelt es sich um ein in der Medizin verbreitetes Forschungsdesign, um aktuelle Befunde retrospektiv zu erklären.

Dabei soll ein strukturiertes Telefoninterview mit den Patienten geführt werden, um Fragen bezüglich ihres Verhaltens nach Feststellung ihrer Diagnose zu erfassen. Hier sollen vor allem die Beweggründe für die Aufnahme einer bestimmten physiotherapeutischen Maßnahme erfragt werden, sowie die Bewertung der Therapie im Krankheitsverlauf, hinsichtlich ihrer Effekte für den Erhalt der Erwerbstätigkeit bzw. den Aktivitäten des täglichen Lebens.

Zusätzlich sollen Fragen aus dem SWE-Fragebogen zum Einsatz kommen der die allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung der Patienten erfasst, da hier ein enger Zusammenhang in der Wahl der physiotherapeutischen Methode zu erwarten ist.

Ilse-Dore Strobel, Potsdam